Zwischen Check-in, Check-out und „Check ich nicht“
Ein ganz normaler Tag mit Azubis im Hotel
Ich sag’s, wie es ist: Wer glaubt, Hotellerie bestehe aus höflichem Lächeln, Schlüssel überreichen und gelegentlichem „Guten Morgen“ bei einer Tasse Kaffee, sollte einmal einen Tag bei uns an der Rezeption verbringen – am besten von Montag bis Sonntag.
Drei gleichzeitige Anreisen, zwei klingelnde Telefone, eine Online-Buchung mit „Sonderfall“ – und mittendrin ein Azubi im zweiten oder dritten Lehrjahr, der sich fragt, ob das wirklich alles so im Ausbildungsvertrag gestanden hat.
Respekt ist keine Frage von Alter, Herkunft oder Erfahrung.
Azubis – unsere Helden im Hintergrund (und manchmal im Chaos)
Unsere Auszubildenden sind das Rückgrat unseres Hauses. Sie lernen, wachsen, stolpern und stehen wieder auf – oft schneller, als unser WLAN ausfällt. Also quasi nie. Oder genau dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.
Besonders stolz sind wir auf unsere internationalen Azubis. Eine von ihnen ist seit drei Jahren in Deutschland und schreibt inzwischen besser Deutsch als so mancher, der hier geboren wurde. Und trotzdem muss sie sich hin und wieder Kommentare anhören, bei denen man sich wirklich fragt, woran es eigentlich fehlt, ganz sicher nicht an der Sprache.
Kommunikation – oder das große Missverständnis
Kommunikation ist alles. Und gleichzeitig oft… schwierig.
Da treffen Erwartungen auf Realität, Sprachen auf Dialekte und Geduld auf „Ich habe aber im Internet gelesen…“. Für unsere Azubis bedeutet das: ruhig bleiben, freundlich erklären, noch einmal erklären – und dann vielleicht ein drittes Mal. Mit einem Lächeln, das sagt: „Ich helfe Ihnen gern“, während man innerlich denkt: „Kann ich bitte kurz verschwinden?“
Und wir? Wir stärken ihnen den Rücken. Wir zeigen, dass Professionalität nicht bedeutet, alles hinzunehmen, sondern souverän damit umzugehen.
Die Sache mit den Online-Portalen
Ah ja, die Online-Buchungsportale – Fluch und Segen zugleich.
„Ich habe über eine Plattform gebucht, möchte aber jetzt stornieren.“
„Gerne – dann wenden Sie sich bitte an die Plattform.“
„Nein, das möchte ich nicht. Machen Sie das bitte hier.“
Kurz gesagt: Das ist, als würde man beim Bäcker Brötchen kaufen und sie beim Blumenhändler zurückgeben wollen. Verständlich, dass das nicht ganz so funktioniert.
Lernen auf beiden Seiten
Der Hotelalltag ist ein ständiges Lernen, für unsere Azubis und für uns.
Sie lernen, mit den unterschiedlichsten Menschen umzugehen.
Wir lernen, geduldig zu erklären, zu unterstützen und manchmal auch, erst hinter der Rezeptionstür einmal tief durchzuatmen.
Und ganz nebenbei lernen wir alle: Respekt ist keine Frage von Alter, Herkunft oder Erfahrung.
Mein Alltag mit Azubis – und warum ich ihn trotzdem mag
Ja, es ist anstrengend.
Ja, es ist chaotisch.
Und ja, ein Reset-Button wäre manchmal hilfreich.
Aber es ist auch richtig gut.
Zu sehen, wie aus Unsicherheit Routine wird.
Wie unsere Azubis wachsen, sicherer werden und ihren eigenen Stil finden.
Genau deshalb mache ich das.
Zum Schluss eine kleine Bitte an alle Gäste:
Ein bisschen Geduld, ein bisschen Verständnis – und der Gedanke, dass Ihnen dort ein junger Mensch gegenübersteht, der gerade seinen Beruf lernt, sich Mühe gibt und unseren Nachwuchs im Gastgewerbe bildet, der ohnehin schwer zu finden ist.
Ja, natürlich gibt es auch mal „Chill-out-Zonen“, und die tolerieren wir intern auch. Ein kleiner Spaß zwischendurch darf ebenfalls mal sein, einfach ein kurzer Moment zum Durchatmen.
Mehr braucht es oft gar nicht.
Und an meine Azubis:
Ihr macht das sehr gut. Auch wenn ich zwischendurch mal anders klinge 😉
Herzlichst,
Sybille Tietje